Wenn die Harfe Zähne zeigt: Ein Kammerkonzert zwischen Klangzauber und Abgrund
Anneleen Lenaerts und das Quatuor Van Kuijk begeistern im Haus der Musik in Innsbruck mit einem ebenso farbenreichen wie kontrastreichen Programm. Von Debussys schimmernder Klangpoesie bis zu Caplets düsterer Fantastik entfaltet sich ein Abend voller Spannung und Intensität.
Innsbruck – Wer sich mit einer Harfe möglichst rasch in Herz und Ohr des Publikums spielen will, beginnt am besten mit Claude Debussys Evergreen Clair de lune. Anneleen Lenaerts tat genau das und gewann am Freitagabend den Saal im Haus der Musik beim ersten Kammerkonzert der Saison von Beginn an für sich. Mit großer Ruhe, feinen Abstufungen und einem schier unerschöpflichen Gespür für Klang ließ sie Debussys Mondlicht schimmern, ohne jemals ins Süßliche abzugleiten. Die Soloharfenistin der Wiener Philharmoniker zeigte gleich zu Beginn, warum sie zu den profiliertesten Vertreterinnen ihres Instruments zählt.
Spröder Mozart
Ganz anders zuvor das Quatuor Van Kuijk mit Wolfgang A. Mozarts Streichquartett d-Moll KV 421. Die vier Musiker suchten weniger das Verbindende und Elegante dieser Musik als ihre Kontraste. Das klang präzise und klar, stellenweise aber auch etwas spröde. Mozart verlor dadurch ein wenig von jener Geschmeidigkeit, die seine Musik trotz aller inneren Spannung auszeichnet.
Was bei Mozart nicht durchgehend überzeugte, funktionierte bei Henriëtte Bosmans umso besser. Ihr Streichquartett von 1927 gehörte zu den bemerkenswertesten Werken des Abends: hochdramatisch, zugespitzt, von starken Kontrasten und innerer Unruhe geprägt. Hier kam die kantigere, auf Spannung und Gegensätze zielende Spielweise des Quatuor Van Kuijk voll zur Geltung. Die Musik gewann an Kontur, Dringlichkeit und Präsenz.
Schillernde Akzente
Bei Debussys Danse sacrée et danse profane fanden Lenaerts und das Quatuor Van Kuijk schließlich als Ensemble zusammen. Die Harfe verschmolz mit den Streichern zu einem gemeinsamen Klangkörper. Lenaerts setzte schillernde Akzente, während das Quartett die Farben auffing und weitertrug. Wie unmittelbar diese Musik wirkte, brachte ein Zuhörer nach dem letzten Ton auf den Punkt: „Cool!“, rief er laut in den Saal.
Noch stärker gefordert war Lenaerts in Gabriel Faurés Impromptu op. 86. Das Werk verlangt der Harfenistin technisch wie musikalisch einiges ab: schnelle Läufe, große Beweglichkeit und ständige Kontrolle über Klang und Dynamik. Lenaerts meisterte diese Herausforderungen mit Bravour. Dabei wirkte alles erstaunlich leicht und selbstverständlich.
Wie im Horrorfilm
Zum Abschluss wurde es düster. In André Caplets Conte fantastique standen Harfe und Streichquartett erneut gemeinsam im Zentrum. Das Werk erinnerte stellenweise an die Klangwelt eines fein gemachten Horrorthrillers: unheimliche Klangflächen, plötzlich aufbrechende Spannungen, flirrende Harfenklänge und scharf akzentuierte Streicher ließen Edgar Allan Poes Die Maske des Roten Todes musikalisch lebendig werden. Gerade im Zusammenspiel von Lenaerts und dem Quatuor Van Kuijk entwickelte das Stück seine beklemmende Wirkung. Die Harfe zeigte dabei, dass sie weit mehr sein kann als bloß klangschönes Beiwerk: ein Instrument mit Biss.
Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus. Zu einer Zugabeließen sich die Musikerin und Musiker jedoch nicht bewegen.
Wolfgang Otter | TT.com – 3. Oktober 2026